politische Schönheit

Gestern hatte ich bereits einige Gedanken zur Aktion „die Toten kommen“ vom Zentrum für politische Schönheit veröffentlicht. Auf Facebook schrieb ein Freund einen Kommentar dazu:

Ist der Wandel nicht einzige konstante? Jedenfalls wär ich gerade gern mit dir in Berlin und wünsche, dass du Teil etwas großem und schönen wirst. […]

Symbolisches Grab im Gedenken an die unbekannten Flüchtlingen in Halle (Saale)

Etwas Großem und Schönen. Groß war es auf jeden Fall, schön passt als Wort nicht so ganz. Wie die Aktion verlaufen ist, haben schon viele geschrieben. Das könnt ihr z.B. hier und hier nachlesen. Ich möchte viel mehr meine persönliche Erfahrung hier teilen.
Diese Eindrücke kennen keine Helden und für diese ist im Sterben im Mittelmeer, beim symbolischem Grabanlegen (sei es vor dem Bundestag oder in den verschiedenen Städten Europas) und beim Niederreißen eines Bauzauns kein Platz. Und falls es sie doch geben sollte, so fallen sie in einer Menge von über 5000 Leuten nicht auf. Ich bin auf jeden Fall keiner.

"Die Toten kommen" unter den Linden vor Beginn des TrauermarschesDer Trauermarsch startete unter den Linden und ich war ganz hinten. Freunde von mir allerdings ganz vorn und so bin ich einmal durch den gesammten Zug gelaufen. Die Menschenmasse wirkte so noch wesentlich größer und gewaltiger. Die Stimmung war sehr unterschiedlich. Einige waren still und wirkten wie auf einem Trauermarsch, andere widerum waren mit lauter Musik viel mehr auf eine Demonstration eingestellt und für andere schien es dann ein Sonntagsspeziergang zwischen Frühstück und Fete de la Musique (ein kostenloses Musikfestival, welches weltweit am 21. Juni statt findet) zu sein.

Als ich gerade auf die Straße zum Bundeskanzleramt einbog kam der Zug zum stehen. Ich ging weiter nach vorne, um meine Freunde zu finden und 10 Meter neben mir viel der Zaun. Die ersten Leute rannten aufs Feld. Die Polizei hinterher und an mir vorbei. Ich folgte Ihnen. Ich neben 5000 Menschen, die das Feld vor dem Bundestag betreten, die gemeinsam auf das Gebäude zu gehen. In diesem Akt des zivilen Ungehorsams entlud sich eine utopische Jetzt-Ist-Alles-Möglich-Stimmung. Keiner wusste, was als nächstes passieren würde und auf einmal war der gesammte Platz besetzt. Eilig wurden symbolische Gräber ausgehoben.

Immer wieder versuchte die Polizei daran zu hindern und festzunehmen. Andere Demonstraten stellten sich aber immer wieder in den Weg, sodass die Polizisten häufig unverrichtetder Dinge wieder an den Rand des Feldes zurückkehren mussten.

Die Euphorie der Platzbesetzung verflog nach und nach. Es machte sich eine Unsicherheit breit. Was passiert nun. Das Zentrum für politische Schönheit hatte die Veranstaltung für beendet erklärt. Die Polizei war anfänglich mit zu wenig Kräften dort, um eine Ende herbei zu führen. Irgendwann bildete sich eine Menschenkette, die einen Kreis um den Platz bildete. Sie wurde immer größer und irgendwann waren die „Gräber“ sichtbar. Ein symbolischer Friedhof in der Mitte, im Bewusstsein. Und es wurde vor allem still. Erst eine andächtige Stille, die dann aber ins bedrohliche abglitt. Vor allem mit der Polizei mit zur Verstärkung gekommenden Kräften sich in einer ca. 100 Mann starken Wand hinter den Demonstranten aufbauten.

Wir haben uns dann weiter Abseits gestellt. Wir waren nicht für die Konfrontation mit der Polizei gekommen. Seltsam wurde es dann, als der Zaun wieder aufgerichtet wurde und noch verhältnismäßig viele Demonstranten sich auf dem Gelände befanden. Ich empfand dies als eine ziemliche Aggression der Polizei. Die große Eskalation blieb dann aber zum Glück aus.

Es war ein bewegender Tag. Die Stimmung. Das Gefühl, ein Teil einer Gesellschaft zu sein, die für ihre Werte auch einsteht (notfalls auch mit Ungehorsam). Natürlich auch das Gefühl dabei gewesen zu sein. Die Hoffnung, dass alles möglich sei. Die Angst, die durch die bedrohliche Stimmung hervorgerufen wurde.
Wir sind im Wandel (damit komme ich zurück zum Kommentar zum Text gestern). Immer. Und das ist auch gut so. Wir merken es nur viel zu selten. Und ich glaube gestern der „Marsch der Entschlossenen“ ist ein Ereigniss gewesen, an dem sich Wandel erspüren konnte.

Ich werde hier mit dem Zitat Enden, mit dem ich den Blogeintrag gestern begonnen habe. Heute werden die symbolischen Gräber schon wieder beseitigt. Aber in Bildern festgehalten und Gedächtnissen verinnerlicht sind sie präsent und irgendwas ändert sich.

„… und weil die Welt auch am Montag noch die gleiche sein wird, werden die Schulterzucker wieder sagen, seht ihr, wir hatten doch recht, es ist wie immer.

Aber irgendetwas ändert sich, wir werden es schon noch merken.“

…wir werden es schon noch merken

„… und weil die Welt auch am Montag noch die gleiche sein wird, werden die Schulterzucker wieder sagen, seht ihr, wir hatten doch recht, es ist wie immer.

Aber irgendetwas ändert sich, wir werden es schon noch merken.“

Mich lässt dieses Zitat aus dem Text von Georg Diez auf SPIEGEL ONLINE​ nicht los. Ich habe die anderhalb Sätze gestern bei Nerdcore​ das erste Mal gelesen und seitdem muss ich darüber immer wieder nachdenken.
Es ist mittlerweile Nachts und damit diesen Post auch ein paar Leute zu Gesicht bekommen ist er vorgeplant. Wenn dieser Beitrag erscheint bin ich in Berlin. Ich habe mich am Freitag Abend entschlossen zum „Marsch der (Un-)Entschlossenen“ vom Zentrum für Politische Schönheit​ zu fahren. Mich bewegt die Aktion auf der Überfahrt nach Europa Gestorbene in Berlin zu beerdigen mehr, als es die bisherige Berichterstattung über die Katastrophe, die im Mittelmeer täglich passiert.

Ob die Aktion vom ZfPS gut ist? Weiß ich ehrlich gesagt nicht. Ich denke auf einer gut-schlecht-Achse lässt sich dies auch nicht bewerten. Aber es ist seit langem zum ersten Mal politische Kunst, die uns aufschrecken lässt, die unsere Aufmerksamkeit forderd und uns zwingt uns zu positionieren.

Und ich glaube, dass ist das, was sich gerade ändert, was wir bald schon merken werden. Nicht nur im Bezug auf Flüchtende, sondern viel größer, viel übergreifender. Es hat schleichend angefangen, dass wir uns nicht mehr verkriechen können. Der Neobiedermeier, der in den letzten Jahren immer wieder heraufbeschworen wurde, ist auf dem notgerungenden Rückzug. Mit einem Schwall von extremen Bewegungen, sei es HoGeSa, Pegida oder dem sichtbarer Werden von Verschwörungstheorien, ist es nicht mehr so einfach keine Stellung zu beziehen, Themen an sich abperlen zu lassen. Und das ist genau das, wo die Aktion „die Toten kommen“ weh tut. Und das ist gut so.

Wir werden streitbarer und damit auch angreifbarer. Themen und Probleme gibt es leider zu genüge. Aber an diesen wächst unsere Zivilgesellschaft und meine Hoffnung ist, dass sie sich dadurch zu einer Offeneren/Durchlässigeren wandelt.